Mitfahrgelenheit

Bei Spiegel Online gab es heute einen Bericht über die nervigsten Mitfahrer, die man mit der Mitfahrgelegenheit aufgabeln kann. Selbst bin ich auch vier Jahre mit der Mitfahrgelegenheit von Krefeld nach Hamburg und wieder zurück gependelt. Ich hatte die ganze Zeit über meine Stammfahrer. Die ersten 1,5 Jahre Christian, die restlichen 2,5 Jahre Karsten und einige Intermezzos mit ein paar anderen Fahrern, wo ich nicht einmal den Namen mehr weiß. Meine sehr seltsamen Erlebnisse hier:

Die Apathe
Unterwegs in einem geräumigen alten Mercedes E‐Klasse von Hamburg zurück. Im Auto vier Kerle und eine ältere Frau. Wie so häufig haben wir auf der Hälfte der Strecke — Dammer Berge — eine Pause eingelegt. Ich sass vorn auf dem Beifahrersitz, hinten links und in der Mitte die beiden anderen Kerle und direkt hinter mir die ältere Frau. Als ich ausstieg sah ich noch, wie sie sich an die Fensterscheibe bzw. Tür presste.

Die Kerle stiegen aus — und Kerle passt, weil beide nicht gerade die schmächtigsten waren — dann die Frau. Einer der beiden Typen fragte, ob sie sich nicht letzten 200 km in die Mitte hinten setzen könnte, da es für alle einfacher zu sitzen wäre. Ihre Antwort war, dass das nicht ginge, da sie eine Apathie gegen Männer hätte.

Weiß der Henker, warum sie einen Mann anruft, um 400 km zu fahren, statt in einem reinem Frauenauto mitzufahren, von denen auch einige angeboten werden.

Die Feierlaunige
Freitags ging es wieder nach Hamburg. Ich war wieder Beifahrer. Mit dem Fahrer gabelten wir noch zwei Mädels auf. Eine von den beiden war richtig gut gelaunt und hatte auch schon eine leichte Alkoholfahne. Wir mussten noch tanken und an der nächsten Tankstelle kaufte sie zwei Pullen Sekt. Wie sie während der Fahrt erzählte, will sie mit einer Freundin am Wochenende auf dem Kiez feiern gehen. Während des Gesprächs öffnete sie die erste Flasche Sekt. Als wir auf der Hälfte der Strecke ankamen, war die Pulle leer und die zweite wurde geöffnet.

Auf der Rücktour am Sonntag war sie auch wieder dabei. War immer noch gut drauf und immer noch genauso voll wie am Freitag. Dabei hatte sie eine frische Pulle Sekt, wieder war diese nach der halben Strecke leer, sie total voll und pennte den letzten Teil.

Die Rollenspielerin
Irgendwann fuhr ich mitten in der Woche wieder zurück in meine damaligen Heimat. Es meldete sich ein Mädel, dass ich in Achim bei Bremen abholen (Randnotiz führ mich: Wenn ich mal ein Pseudonym brauche, werde ich mich wie die Autobahnausfahrt nennen — Achim Oyten) und in Duisburg wieder rauswerfen sollte.

Sie sass die erste Zeit total teilnahmslos auf dem Beifahrersitz. Mir war langweilig und ich fragte, was sie denn in Duisburg will. Ich wusste bis dahin noch nicht, dass das eine total bescheuerte Idee war. Sie legte dann los und erzählte — wie bei fast allen Mitfahrern — dass sie auf dem Weg zu ihrem Freund ist. Die natürlich anschliessende Frage ist, wo sie ihn denn kennengelernt hat. Mir war klar, dass sie ihm im Internet kennengelernt hat. Denn das haben eigentlich die Meisten, mit denen man fährt.

Sie erzählte mir dann folgende Geschichte. Ihren jetzigen Freund hat sie im Internet kennengelernt … durch das Online‐Rollenspiel „Conquest of Camelot“. Zu diesem Online‐Rollenspiel kam sie durch ihren ersten Freund, mit dem sie „Conquest of Camelot“ immer gespielt hat. In dem Spiel ist wohl ihr neuer Macker aufgefallen, der dort als Elf (oder was weiß ich) rumrannte. Auf einem Gildentreffen (was es nicht alles gibt) war sie mit ihrem ersten Freund und verknallte sich sofort in ihren neuen Elf Freund und gab ihrem ersten Freund den Laufpass und blieb dann bei dem neuen Macker. Eine typische, romantische Liebesgeschichte, wie man sie eben so kennt, nicht?

Und dann fing sie an zu quatschen und wollte damit so schnell auch nicht mehr aufhören. Sie erzählte mir, was für „Rassen“ es in dem Spiel gibt, dass es verschiedene „Charackter‐Level“ gibt und was weiß ich. Sie hat nur nicht bemerkt, dass ich den Infomüll gar nicht haben wollte. Ein Glück quatschte sie mit der Beifahrerscheibe, so dass diese schon anfing zu beschlagen. Ich machte das Radio lauter — natürlich ganz sachte, damit ich sie in ihrer Ehre nicht verletze und sie dadurch „Charackter‐Punkte“ verliert. Ich bin schließlich ein höflicher Mensch.

Sie quatschte bis wir in Duisburg angekommen sind. Ich war froh, dass kein längerer Stau war und mein bayrischer Hobel sehr schnell sein kann.

Die Ängstliche
Wieder mal selbst unterwegs gewesen und wieder eine Damen dabei. Ich hatte den Tempomat auf 150 km/h eingestellt und wollte so gemütlich und zügig zu Hause ankommen. Die Dame kreischte, dass ich viel zu schnell sei und sie das nicht hinnehmen kann, wenn ich so weiterfahre. Ich sollte nicht schneller fahren als 110 km/h, besser aber nur 100 km/h, was ihrer Meinung schnell genug sei und auch die Umwelt schonen würde. Wobei ihr ein grosses Auto eh zu wider sei.

Ich bin ja ein geduldiger Mensch und habe mir das eine gefühlte Ewigkeit angehört. Als ich ihr in meiner einzigartigen Art und Weise glaubhaft vermittelt habe, dass es für sie nur eine Möglichkeit gibt nach Hause zu kommen und zwar zu Fuss, hielt sie auf einmal ihre Klappe.

Ende
Nach vier Jahren hatte das alles dann zum Glück auch ein Ende gefunden (weil ich nun hier im Norden wohne) und ich muss mir das nicht mehr antun.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


eMail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
Auch möglich: Abo ohne Kommentar.